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Hallo Jula,
vielen Dank für Deine sehr authentische Website! Ich war auf der Suche nach Infos zum Thema "Frau sein" und bin so auf Deine Seite gestoßen, die auch mir viele Aspekte zum Nachdenken gibt.
Es ist erst kürzlich passiert, dass ich begriffen habe, meine Mutter hat in mir wahrscheinlich weniger mich als meinen Bruder geliebt. Ihre eigenen drei Brüder (davon einer ihr Zwillingsbruder) sind im zweiten Weltkrieg vermißt. Sie hat wohl nie richtig getrauert um sie. Vielleicht hat sie gehofft, mit Kindern wieder eine ähnliche Familie zu gründen, wie die, in der sie aufwuchs. Sie gebar einen Sohn (Michael), dieser starb nach drei Tagen. Danach wurde ich geboren. Und ich vermute, sie hat verdrängt, dass ihr Sohn gestorben war und sie jetzt eine Tochter geboren hatte. Außerdem wollte ihre eigene Mutter schon nur Söhne und keine Tochter. Jetzt hatte meine Mutter eine Tochter - und konnte keinen Sohn mehr bekommen, da ich ein Kaiserschnitt war und man damals nach einem Kaiserschnitt keine weiteren Kinder mehr bekommen sollte. Außerdem habe ich kürzlich erst erfahren, dass meine Mutter selbst lesbische Neigungen hatte und ich vielleicht als Tochter ihr unheimlich war, oder eine Konkurrenz beim Vater, deren erotische Wünsche sie nur teilweise erfüllen konnte, wie ich seit neuerem weiß.
Ich glaube, meine Mutter hat deshalb aus mehreren Gründen einfach nicht an sich herangelassen, dass ich eine Frau bin. Ich war vielleicht einfach der verspätet geborene Sohn (der gar nicht gestorben war) Oder sie hat es nur so weit an sich herangelassen, wie es eben für die amtlichen und öffentlichen Belange notwendig war. In einer bayerisch konservativen Kleinstadt aufgewachsen, wo alle Zöpfchen und Röckchen hatten, mußte ich gegen meinen Willen Hosen tragen und ganz kurze Haare haben. Angeblich war ich nicht der Typ für weibliches Aussehen, meinte meine Mutter. Ich weiß auch, dass die Leute meine Mutter öfter fragten: "Ist das ein Mädchen oder ein Junge? Sieht aus wie ein Junge!" Gewünscht hatte ich es mir aber, wie ein Mädchen auszusehen, jedenfalls in jungen Jahren. Und angeblich wollte ich nie mit Puppen spielen. Aber warum habe ich mir dann von meinem Taschengeld und gegen den Protest meiner Eltern ("zu kitschig") eine Barby-Puppe gekauft? Es war auch in der Familie nie die Rede davon, dass ich später einmal Kinder haben würde, Haushalt führen usw. Sondern vielmehr davon, dass ich Wissenschaftlerin werden würde usw.
Mein Vater hat wohl unbewußt diese Haltung unterstützt. Erst jetzt ist mir klar, warum ich seine Reden über sexuelle Dinge hasse: nicht weil er mich damit anmachen wollte, sondern weil sie etwas kumpelhaftes hatten, so wie von Mann zu Mann. Komischerweise, jetzt wo meine Mutter zunehmend dement wird und ich viel mit ihm allein rede, ist diese Art völlig verschwunden.
So fühle ich mich zwar in erotischen Dingen (die meine Mutter ja auch kaum mitbekommen hat) als Frau, aber ansonsten mehr als Neutrum. Ich kann mich nicht gut kleiden und habe mich selten geschminkt. Als ich allerdings mit 25 meinen ersten festen Freund hatte und mich eine Weile lang weiblich anzog und schminkte, hatte ich einen Traum, dass meine Mutter das ablehnte und dass ich dann deswegen den Wunsch hatte sie zu töten. Das hat mich damals total überrascht, weil ich eigentlich eine freundliche Beziehung zu meiner Mutter hatte.
Ich will kein Mann sein, aber ich fühle mich auch nicht wirklich als Frau. In meinen Interessen bin ich teilweise männlich (allerdings Autos mag ich nicht besonders und Fußball interessiert mich auch nicht...) und weibliche Gesprächsthemen langweilen mich oft. Oder ängstigen sie mich - weil sie das in mir ansprechen könnten, was ich nicht wahr haben darf?
Es gibt bei mir eine gewisse Sehnsucht, eine verschleierte Taliban-Frau zu sein - dann hätte ich das Gefühl Frau sein zu dürfen hinter dem Schleier.
Und es gibt auf einmal das Gefühl, dass innere Verspanntheiten, innere Unruhe daher kommen, dass ich mich nicht traue, Frau zu sein. Dass ich, wenn ich mal nicht aufpasse auf mich, vielleicht Frau werden könnte.
Ich habe die Hoffnung, dass ich diese Ängste einmal, wenn vielleicht nicht ganz loswerden kann, so doch vermindern kann. Ich habe es leichter als Du, weil ja die Umgebung mich als Frau sehen will. Aber in einem Punkt habe ich es vielleicht auch schwerer als Du: ich weiß nicht so recht, was es eigentlich heißt, weiblich zu sein, weil ich das nie zugelassen habe und mich eher in eine Neutralität geflüchtet habe. Ich bin da jetzt - mit 55 - erst ganz neu auf der Suche.
Und mit der Frage, was bedeutet es eigentlich, Frau zu sein (Google "Frau sein") bin ich auf Deine Seite gestoßen. Vielleicht freut es Dich, dass die erste Seite, die ich finde, die mich zu dem Thema wirklich interessiert (es gibt sonst viele Seiten zur Sexualität oder Emanzipation, die ich nicht suche), Deine Website ist. Sie hat mir manche Anregung gegeben, z.B. die Geschichte mit der Kugel und der Wahrnehmung als Mann/Frau finde ich sehr klar und bereichernd. Oder der Satz, dass die Liebe so viel bewirkt (auch bei mir die Mutterliebe meiner Mutter, die mich meine Weiblichkeit verleugnen ließ und als gefährlichen Wunsch ansehen ließ). Ich habe noch nicht alles bei Dir gelesen, werde aber gerne noch weiter lesen.
Überigens gibt es Stellen, da bekomme ich das Gefühl, Du wünscht Dir, dass Dir andere Menschen sagen, Du solltest keine Rücksicht mehr auf andere nehmen und Deine Weiblichkeit überall leben. Vielleicht wäre das das Richtige für Dich - aber das kannst letzten Endes nur Du beurteilen - nur manche Passagen wirken so, als wäre das Dein ehrlichster Wunsch und Du würdest auf Bestätigung warten.
Ich hoffe, es macht nichts, wenn ich so viel schreibe. Dass ich mich gut in das Leben eines Mannes hineinversetzen kann, ist mir schon länger klar, noch bevor mir das Verhalten meiner Mutter so deutlich wurde. Es gab eine Zeit, da habe ich mich mit Wiedergeburt beschäftigt. Ich weiß nicht, ob ich glauben soll, dass es sie gibt. Manches spricht dafür, manches dagegen. Es gibt jedenfalls auffällige Erinnerungen von Menschen an frühere Leben. Ob die real sind, Einbildung, oder einfach auch nur eine Art Einblick in das Leben anderer - ich habe keine Ahnung. Allerdings dachte ich damals, es würde passen, wenn ich früher in vielen Leben ein Mann war und jetzt erstmals eine Frau und mir die Erfahrung einfach fehlt (in Tibet z.B. gibt es die Vorstellung, dass man bei der Wiedergeburt auch das Geschlecht wechseln kann). Wie ich Deine Seiten gelesen habe, mußte ich wieder daran denken, dass diese Vorstellung auch das Empfinden von Transgendern erklären könnte. Aber wie gesagt, ich will nicht behaupten, dass es so ist, sondern es nur mal als mögliche Hypothese in den Raum stellen.
Ich wünsche Dir herzlich alles Gute!
Liebe Grüße Juliane
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